Indiecon Island: Klassenfahrt zur Buchmesse

Anfang des Jahres hat die Buchmesse angerufen. Ob wir nicht Lust auf ’ne Klassenfahrt hätten? Knapp neun Monate, ein Magazin-Release und eine weitere Indiecon später hatten wir das. Der Plan klang einfach: die Indiecon in einen Sprinter stopfen, zehn Lieblings- Magazinmacherinnen und Macher aus Deutschland mitnehmen und dann gemeinsam eine Woche lang durchdrehen. Klassenfahrten laufen nie, wie man sich das vorstellt. Oder?

Fotos: Malte Spindler

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

Erste schlechte Idee: hungrig in ein Auto steigen und zur sechsstündigen Reise nach Frankfurt aufbrechen. Spätestens kurz vor Wolfsburg folgt der Magen den „We make you feel great again“ – Zeichen. Und dann kaut man eine Stunde lang auf den greatesten spare ribs of the universe rum. Trump is dump.

Wer in den letzten zehn Jahren ein Magazin gründen wollte, musste sich das Lied vom Tod der Printmedien anhören: Der Journalismus der Zukunft findet in Echtzeit statt, ist interaktiv und natürlich online. Aber wer genau hinsieht, kann beobachten, wie seitdem auf den frisch geschlagenen Lichtungen im Blätterwald Keime nachwachsen: Hefte, bei denen die Chef*innen und Chefs auch die Macher*innen und Macher sind; Inhalte, die keinen Sinus-Milieus folgen, sondern eigenen Interessen; Finanzierungsmodelle, die auf eine Mischkalkulation aus Selbstausbeutung, Intuition und Lucky Punch setzen. Das sind wir, die Independent-Magazine. In unknown territories, the usual rules don’t apply. You can get lost and never be heard from again, or you can be the first to find a new plateau and gaze upon the world in an unprecedented way. Independent magazines are all about leaving those well-trodden paths; they are about experiments in design and content, and finding ways to tell the stories that matter. This year’s Indiecon explores the realm of a do-it culture. It’s about the challenge of creativity in rapid publishing processes and about mapping ways to make a publication feasible. Together, we try to understand how pioneer projects evolve into communities of makers and readers.

Zu jeder guten Klassenfahrt gehört die findige Mitschülerin, die alles im Blick hat. Zum Beispiel DAS WETTER, das FROH!sein und den Ohrenkuss. Direkt nach der Ankunft hat sie Schere, Prittstift und Europalletten parat und verwandelt das Klassenzimmer in eine Wunderkammer.

Wer in den letzten zehn Jahren ein Magazin gründen wollte, musste sich das Lied vom Tod der Printmedien anhören: Der Journalismus der Zukunft findet in Echtzeit statt, ist interaktiv und natürlich online. Aber wer genau hinsieht, kann beobachten, wie seitdem auf den frisch geschlagenen Lichtungen im Blätterwald Keime nachwachsen: Hefte, bei denen die Chef*innen und Chefs auch die Macher*innen und Macher sind; Inhalte, die keinen Sinus-Milieus folgen, sondern eigenen Interessen; Finanzierungsmodelle, die auf eine Mischkalkulation aus Selbstausbeutung, Intuition und Lucky Punch setzen. Das sind wir, die Independent-Magazine. In unknown territories, the usual rules don’t apply. You can get lost and never be heard from again, or you can be the first to find a new plateau and gaze upon the world in an unprecedented way. Independent magazines are all about leaving those well-trodden paths; they are about experiments in design and content, and finding ways to tell the stories that matter. This year’s Indiecon explores the realm of a do-it culture. It’s about the challenge of creativity in rapid publishing processes and about mapping ways to make a publication feasible. Together, we try to understand how pioneer projects evolve into communities of makers and readers.

Messen sind krass. Abermillionen Euros verschwinden in tempelartigen Kulissen mit der Halbwertszeit von einem Aufbackbrötchen. Unsere „Indiecon Island“ funktioniert ein bisschen anders. Zum Setup gehören ein Stahlkiosk, eine Bühne, fünf Magazinaufsteller und zwei Bänke. Der Rest entsteht aus einer Art Materialschlacht mit Europalleten, 50 Metern grüner Plotterpapier, Kunststoff-Kakteen, Oktopuslampen und Krokodil „Hänk“. Das alles beschaffen wir aus unserer Wunderkammer Berlin bei unseren Hamburger Nachbarn oder beim lokalen Palletten-Olaf unseres Vertrauens.

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

Den emotionalen Höhepunkt erreicht eine Klassenfahrt kurz vor dem ersten Zusammentreffen in der Herbergs-Kantine. Hier zeigt sich, welche Kids ihre Bifi von der Tanke schon verspeist haben und wo sich noch längsseits drapierte Tupper-Möhrchen verstecken.

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

Und dann geht die Sonne auf.

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

Sascha Ehlert und Hops Holzmann vom Berliner Musikmagazin Das Wetter bereiten Wundertüten für die ganze Truppe vor. Es dauert keine Stunde, bis sich die Beutelinhalte verflüchtigen.

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

Christoph Amend (Mitte), Chefredakteur vom ZEITmagazin, ist für die Indiemags in Deutschland ein bisschen wie der Vertrauenslehrer in der Orientierungsstufe. Der Hamburger Tristan Rodgers vom MC1R – The magazine for redheads (rechts) und die Litauin Agnese Kleina von Benji Knewman (links) sprechen mit Herrn Amend u.a. über rote Haare und die nächste Klassenfahrt nach Riga.

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

… Kroko-Hänk müsste dann wieder mit ins Handgepäck.

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

Stefanie Lohaus von Missy und Theresia Enzensberger vom Block Magazin sprechen über den Feminismus von heute. Es geht zum Beispiel um Teamarbeit, die Rolle von Journalistinnen, die gleichzeitig Unternehmerinnen sind und um Bier. Biermarken schalten nämlich grundsätzlich keine Anzeigen in Frauenzeitschriften.

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

Mitschüler Martin hat sich zwar überwiegend gut benommen, aber auf diesem Bild war ganz eindeutig „stille Treppe“ angesagt. Hinter ihm: eine unserer Attraktionen am Stand. Die Kontruktion „Buy Bananas for Baby Ape“ besteht aus einem Affen, der auf Knopfdruck raven kann wie auf einer Berghain-Party. Doch das geschieht erst nach einem Eintrag im Gästebuch und großzügigem Münzeinwurf in die Spardose (schwarzweißer Sockel unter dem Gästebuch).

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

In diesem Sinne: Danke und schöne Grüße an das Gymnasium Burgkunstadt.

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

Kurz nachdem die Buchmesse Anfang des Jahres zum ersten Mal anrief, folgte Mitte des Jahres ein zweiter Anruf. Ob wir nicht auch noch Lust hätten, den Freitagabend der Buchmesse-Party-Reihe „Booklounge“ zu bespielen. Und ob wir Erfahrungen im Partygewerbe hätten. Hatten wir.

Das Line-Up:

20-21 Uhr Satzexegese
21-22 Uhr BLOCK Magazin x Margarete Stokowski
22-23 Uhr Gentle Rain x MarsMarsin (Die Brueder)
23-00 Uhr Das Wetter – Magazin für Text und Musik x Sascha und Hops
00-01 Uhr Die Epilog x Leachim Roy
01-Ende MC1R Magazine x Felix Lindt

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

Vor dem musikalischen Entrée gab es ein Allerlei an Lesungen und verrückten Literaturspielen – die Satzexegese. Hier liest Lead Awards Newcomer Magazine 2016’s Schöpferin Theresia Enzensberger aus ihrem Block. Im Hintergrund: nicht Theresias Handynummer. Sondern Steffens (Die Epilog).

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

Die „Lucky Punch Party“ stieg im „Amp“. Die puristische und soundgewaltige Bar mit Wandmalereien vom Hamburger Designer Stefan Marx wird von Tausendsassa Ata Macias bespielt. Macias hat sich als Betreiber des „Robert Johnson“ in Offenbach am Main einen Namen in der weltweiten Technoszene gemacht. Der perfekte Rahmen für eine Klassenfete. Hier an den Tellern: DJ Felix Lindt.

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

Weil am nächsten Tag tüchtig Katerstimmung herrschte, mussten wir unseren Kumpel Godzilla zum Fototermin mit Comic-Zeichner Nils Oskamp („Drei Steine“) schicken. Nils‘ und unser Messestand waren in direkter Nachbarschaft der Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Für dessen Flyer und Nachrichtenseiten gab es an unseren Stand eine kreative Umwandlungsoption. Diese ist auf dem vierten Artikelbild von oben versteckt (^^Scroll!).

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

… dementsprechend groß war der Andrang an unserem Stand.

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

Jenen „Junge Freiheit“-LeserInnen, die ähnlich gehaltvolle Medien bei uns suchten, haben wir dieses Newcomer-Magazin angeboten. Die Gründer von „Karton“ haben sich schnell auf braunes Umschlagpapier und einen Gesamtumfang von vier Seiten verständigt.

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

Wir haben uns schon ziemlich wohl gefühlt, in diesem eigentlich eher lebensfeindlichen Messekosmos. Wann immer wir der tageslichtfernen Klimaanlagenwelt entfliehen konnten, hat es uns auf das magische Parkhausdach der Halle 4.1 getrieben – eine ähnlich atemberaubende Frankfurter Umgebung.

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

Übrigens auch üblich für Klassenfahrten: Am Ende bleibt ein harter Kern übrig, der die Bifi-Reste und angebrochene Ahoi-Brausepackungen zusammenfegt, um in der letzten Schulbusbank noch mal alles zu geben.

Indiecon Island Frankfurt Bookfair 2016

Die Klassenfahrt nach Frankfurt war geil. Wir sind uns sicher: es gab heimliches Gefummel, wunderbaren Schabernak und jede Menge Sehenswürdigkeiten, die wir allesamt verpasst haben. Wir freuen uns, das keiner sitzengeblieben ist und blicken hoffnungsvoll ins nächste Messe-Jahr.

Tschüs!